Zinsmarkt ohne Zinsen – Segen oder Fluch?

Auf dem 3. Hauck & Aufhäuser Kapitalmarkttag in Frankfurt wurde unter der Überschrift "Ausblick 2017" ein unabhängiger Blick auf verschiedene Anlageklassen geworfen. Dr. Lars Rothe, Mitglied des Vorstands der WAVE Management AG, hielt auf der Veranstaltung einen Impulsvortrag zum Thema: "Zinsmarkt ohne Zinsen - Segen oder Fluch?"

Die Präsentation sowie eine Zusammenfassung der Kernaussagen haben wir Ihnen zum Download bereitgestellt.

Zinsmarkt ohne Zinsen - Segen oder Fluch?

Präsentation

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Zinsmarkt ohne Zinsen - Segen oder Fluch?

Als im Jahr 2007 die Krise am US Immobilienmarkt begann und 2008 die US Bank Lehman Brothers zerbrach, setzte weltweit ein Erdbeben an den Finanzmärkten ein. Die extreme Verunsicherung der Investoren führte zu signifikanten Zinssteigerungen (und entsprechenden Kursverlusten) für vermeintlich unsichere Schuldner. In Europa spitzte sich die Lage im Jahr 2010 zu, als für Griechenland ein zweites Hilfsprogramm erlassen wurde, ein Schuldenschnitt folgte und infolge dessen die Renditen griechischer Staatsanleihen bis über 40% anstiegen. 10jährige deutsche Bundesanleihen rentierten damals bei über 4%. Die Situation entspannte sich als Herr Draghi von der Europäischen Zentralbank im Juli 2012 verkündete alles zu tun was nötig ist, um die Kapitalmärkte zu beruhigen („Whatever it takes...“). Seitdem hat die Europäische Zentralbank verschiedene Maßnahmen ergriffen, wie zum Beispiel Kaufprogramme für Staatsanleihen, Covered Bonds oder Unternehmensanleihen. Ebenso wurden weltweit die regulatorischen Anforderungen für Banken verschärft. So stieg das Vertrauen der Investoren in die Kapitalmärkte wieder. Die Zinsen für Staatsanleihen und Unternehmensanleihen sind heute sogar auf historisch niedrigsten Niveaus, denn  an den Rentenmärkten hat ein Zeitalter von Negativverzinsung eingesetzt. Per Ende September 2016 lagen die Renditeniveaus für 2jährige Bundesanleihen bei -0,70%; 5jährige Bundesanleihen bei -0,60% und bei 10jährigen Bundesanleihen bei  -0,10%.

Gewinner dieser Entwicklung sind die Rentenmarktakteure (Investoren und Emittenten) sowie Kreditnachfrager, die von sinkenden Renditen (steigenden Kursen) und sinkender Volatilität profitieren konnten. Die durchschnittliche Jahresperformance für europäische Staatsanleihen lag in den Jahre 2012 bis 2015 zwischen 2% bis 13%! Auf der anderen Seite entstanden durch die Niedrigzinspolitik auch erhebliche Herausforderungen z.B. für Banken, die inzwischen Teile ihrer Geschäftsmodelle in Frage stellen müssen. Verlierer sind auch Versicherungen und Pensionsfonds, deren Kurzfristanlagen zu strategisch steigenden Kosten führen. Außerdem sind sie gezwungen die Risiken ihrer Anlagen zu erhöhen, solange die Mindestverzinsung nicht an die niedrigen Renditeniveaus angepasst wird.  Und drittens die Privathaushalte. Die Niedrigzinsen führen zu einer sinkenden Altersvorsorge und erhöhen somit den Spardruck. Eigentlich sollte das niedrige Zinsniveau das Wachstum in der Realwirtschaft ankurbeln. Doch das real verfügbare Einkommen der Privathaushalte ist  in den letzten Jahren signifikant gesunken und der Spardruck stark angestiegen. Aufgrund des teilweise exzessiven Kreditwachstums zu Beginn der Eurokrise, insbesondere in den südlichen Ländern Europas, konzentrieren sich die Privatleute heute eher auf Schuldenabbau, Joberhalt und eventuell Altersvorsorge als auf Schuldenaufbau für Konsum. Man könnte meinen, dass das Niedrigzinsumfeld zu einer massiven Kreditnachfrage durch Unternehmen und so zu  Wirtschaftswachstum geführt hat.  Die Nachfrage nach Krediten ist tatsächlich angestiegen, doch gleichzeitig auch die Anzahl von Unternehmensübernahmen. 2015 und 2016 sind M&A Rekordjahre! Fremdkapital fließt also eher in den Ausbau von Marktanteilen als in Investitionsprojekte. Trauriges Fazit: Die Kapitalmärkte haben sich von der Realwirtschaft abgekoppelt!

Die Renditen sind historisch niedrig, Zinsaufschläge für Unternehmen ebenso und es scheint keine Änderung der Notenbankpolitik in Europa in Sicht solange Inflation und das Wachstum niedrig bleiben.  Hat sich durch die US Wahlen etwas daran geändert? Sicher befinden sich die USA in einem etwas anderen Zinszyklus als Europa, doch auch hier muss das Wirtschaftswachstum nachhaltig sein. Starke Zinserhöhungen wirken da eher kontraproduktiv.

Doch wo lässt sich noch Geld verdienen? Wir sehen den Schlüssel in der direkten Kreditvergabe an Projektgesellschaften, z.B. für Infrastrukturprojekte. Hier werden Projektrisiken mit einer angemessenen Risikoprämie kompensiert. Zudem eignen sich langfristige Projekte sehr gut um langfristige Verbindlichkeiten abzudecken. Auf der anderen Seite ist das aber auch ein Kapitalmarktumfeld, das aktives Fondsmanagement im Rahmen von Total Return Fonds notwendig macht. Beides vereinen wir mit unserer Anlagepolitik. In 2017 erwarten wir ein volatiles Umfeld an den Kapitalmärkten insbesondere an den Rentenmärkten, getrieben durch die globale Wirtschafts- und Notenbankpolitik. Das bietet wiederum auch Chancen, denn Risikovermeidung ist das größte Risiko.